Glück aus Kolumbien - Interview mit einem Adoptivvater

Für unsere Seite war es uns wichtig, nicht nur Fakten und allgemeine Informationen über das Thema Adoption zu liefern, sondern auch persönliche Erfahrungen und Meinungen darzulegen. 

Aus diesem Grund führten wir ein Interview mit Herrn Müller, der sich sofort bereit erklärte, uns dabei zu helfen. Herr Müller hatte Anfang des Jahres 2017 selbst ein Kind adoptiert und kann von seinen Erfahrungen berichten. 

 

Der Beginn

Nach langjährigen Überlegungen entschlossen sich Herr Müller und seine Frau ihre Familie zu vergrößern und ein Kind zu adoptieren. Nachdem man in Deutschland grundsätzlich nur bis zum 40. Lebensjahr Kinder adoptieren kann (bis auf wenige Ausnahmen), war es Herrn und Frau Müller (beide älter als 40 Jahre) nicht mehr möglich und so begann die Suche nach einem Adoptivkind im Ausland. 

Das Land, welches sie zuerst in Betracht zogen, war Indien. Sie wollten einem Mädchen die Möglichkeit geben, ein aussichtsreiches, glückliches Leben in Deutschland zu führen, was in dem eigenen Land aufgrund des Geschlechts nicht erfüllbar gewesen wäre. Doch bei der Suche nach einer geeigneten Organisation blieben sie erfolglos. Nahezu alle waren nicht transparent oder seriös genug. Beides Faktoren, die dem Ehepaar sehr wichtig waren. Außerdem taten sich religiöse Probleme auf, da Hinduisten und Buddhisten ihre Kinder oftmals nicht an katholische Familien abgeben wollen.

So führte sie ihre Suche weiter nach Kolumbien, wo sie ein Adoptivkind fanden. 

 

Das Verfahren

Das Adoptionsverfahren der Familie Müller dauerte im Vergleich zu anderen Verfahren ungewöhnlich lange, da sie, nach Bestehen der Eignungstests, ganze 5 1/2 Jahre auf ein Kind warten mussten. Das Paar hatte im Vorfeld verschiedene Überprüfungen und Eignungsverfahren zu überstehen. Zu Beginn mussten sie eine Prüfung bestehen, bei der sich die Organisation ein Bild von ihren Bewerben machte. Danach folgten offizielle Formalitäten, wie ein komplexer psychologischer Test, vom Steuerberater beglaubigte Gehaltsnachweise, ein Sozialbericht durch Besuche beim Jugendamt und Empfehlungsschreiben von Bekannten waren ebenfalls notwendig. 

Ein ständiges Problem - manche Dokumente "verfielen" während der Zeit des Adoptionsverfahrens, wie z.B. das polizeiliche Führungszeugnis, der Gesundheitsnachweis oder der Gehaltsnachweis. Sofern diese Zeit verstreicht, muss alles nochmal neu eingereicht werden. 

Doch obwohl die Organisation in Deutschland vertrauenswürdig und das Adoptionsverfahren bereits genehmigt war, kam es zu keiner Vermittlung.

 

Kolumbien

Da das Ehepaar bereits vom kolumbianischen Staat für ein Kind im Alter von 7-9 Jahren als mögliche Adoptiveltern anerkannt war, reisten sie persönlich nach Kolumbien und suchte dort ein Kinderheim auf, mit welchem sie schon von Deutschland aus in Kontakt getreten waren. Nachdem sie selbst vor Ort waren, konnten sie sich ein eigenes  Bild von der Situation machen. Um sich dort allein zurechtzufinden und um mit dem Kind kommunizieren zu können, hatte das Paar in den letzten Jahren bei einer Studentin Spanisch gelernt und sich mit der Kultur des Landes beschäftigt.

 

Nach langer Zeit war es nun endlich soweit. Im Einverständnis mit dem Kinderheim lernten sie ihre zukünftige Tochter kennen. Nach einem zweimonatigen Aufenthalt voller Behördengänge und Formalitäten durften sie ihre Tochter endlich mit nach Deutschland nehmen. 

Bis heute steht die Familie in engem Kontakt mit ihren Beratern und Bezugspersonen, die ihnen in den Jahren des Adoptionsverfahrens zur Seite gestanden haben.

 

Alltägliches Familienleben -  jetzt zu dritt

Trotz der anfänglichen Bedenken wie : "Wie wird das Kind auf alles reagieren?" oder "Wird alles so funktionieren, wie wir uns das überlegt haben?" wurden die neuen Umstände schnell zu einem natürlichen Bestandteil ihres Lebens und Alltags. Natürlich gibt es jetzt einen neuen Lebensmittelpunkt in der Familie. Der Alltag muss neu organisiert werden. Man ist nicht mehr so flexibel wie zuvor und man macht sich viele Gedanken über sein Kind und wie es sich einleben wird. Doch wie Herr Müller es immer wieder betonte : "Das ist es alles Wert."

Das 11 jährige Mädchen besucht eine Montessori Schule, in der es besonders in Deutsch die nötige Förderung bekommt. Auch zu Hause wird fast ausschließlich Deutsch gesprochen, damit es die Sprache so einfach und schnell wie möglich lernt. Das Mädchen hat auch schon viele Freundinnen aus dem Bekanntenkreis und durch seine Hobbys gefunden und es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendeine Freundin vor der Tür steht und nach ihm fragt. Bei seinen Erzählungen merkt man, wie glücklich Herr Müller ist, dass seine Tochter sich bei ihm und seiner Frau wohl fühlt und sich in den neuen Alltag eingelebt hat.

Das neue Leben für Herrn Müller und seine Familie hat begonnen. Ein Leben voller neuer Erfahrungen, aber auch Herausforderungen. Ein Leben zu dritt. 

 

Persönliche Meinung zum Thema "Rabenmütter"

Bei unserem Interview wollten wir jedoch auch wissen, was Herr Müller von der Stellung der abgebenden Mütter in unserer Gesellschaft hält. Wie denkt er über die Bezeichnung Rabenmutter? 

Für ihn sollte dieser Begriff nicht mit einer Adoption verbunden werden, da Mütter so gut wie nie ihr Kind abgeben möchten. Sie stecken oftmals in Situationen, in denen sie entscheiden müssen, was für ihr Kind das Beste ist. Und manchmal ist es Familien nicht möglich, ihren Kindern das Beste zu bieten, da sie zum Beispiel in Armut leben oder selbst nicht in der Lage sind, ihrem Kind ein aussichtsreiches Leben zu bieten. Sie wollen ihr Kind schützen. Auch bei seiner eigenen Tochter war dies der Fall. Man sollte niemanden dafür verurteilen, dass er sein Kind abgibt, bevor man sich nicht die Geschichte dazu angehört hat. Denn, wenn man selbst nicht in dieser Situation steckt, sollte man nicht leichtfertig über andere urteilen.