Interview mit einer adoptierten Adoptivmutter

Durch den Sozialdienst Katholischer Frauen Amberg wurde es uns ermöglicht, eine beeindruckende Frau kennen zu lernen, die nicht nur selbst adoptiert wurde, sondern sich auch dazu entschieden hat, selbst ein Kind zu adoptieren. Um die Privatsphäre der genannten Personen zu schützen, wurden alle Namen geändert.

 

Persönliche Einstellung und Sichtweise

Zu Beginn des Interviews erzählt Karin Schmidt über ihre Haltung zum Thema Adoption.

Sie beteuert ihren tiefen Respekt gegenüber Müttern, die ihr Kind zur Adoption freigeben und ist ihrer eigenen, leiblichen Mutter für ihren Entschluss, sie zur Adoption freizugeben, sehr dankbar.

Obgleich es ihr bewusst ist, dass diese Entscheidung nicht leicht ist, empfiehlt sie allen Frauen, die sich im Falle einer Schwangerschaft nicht in der Lage sehen, ihr Kind selber großzuziehen, ihr Kind zur Adoption freizugeben, statt einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen.

Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch empfiehlt sie frühzeitig, sich um eine Adoption zu bewerben, empfiehlt ihnen aber, eine Adoption weder als Beziehungsrettung noch als letzten Ausweg bei einem Kinderwunsch zu sehen.

 

Umgang mit der eigenen Adoption

Im Zusammenhang mit ihrer eigenen Adoption betont sie den offenen Umgang, den ihre Adoptiveltern, die sowohl Karin als auch ihre leibliche Schwester adoptiert haben, von Beginn an gepflegt hatten. Interessanterweise ist Karins Schwester mit dem Wissen, dass sie adoptiert wurde, ganz anders umgegangen als Karin. Sie hat im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester in ihrer Jugendzeit den Kontakt zu ihren leiblichen Eltern gesucht. Karin selbst habe nie eine intensive Beziehung zu ihrer leiblichen Mutter aufbauen können, von ihrem Vater hat Karin lediglich über eine Todesanzeige in der Zeitung erfahren.

Der Grund für ihre eigene Adoptionsfreigabe seien, so Karin, ein „kompliziertes Leben“ der Mutter und die Rolle des Vaters im Leben ihrer Mutter gewesen. Auf weitere Details wollte sie aber nicht eingehen.

Karin erzählt von weiteren Geschwistern, die im leiblichen Elternhaus aufgewachsen sind, betont aber an dieser Stelle, dass sie ihren eigenen, guten Lebensstandard ihren Adoptiveltern zu verdanken hat.

 

Erfahrungen als Adoptivmutter

Im weiteren Verlauf des Gespräches berichtet sie ausführlich von ihrem eigenem Adoptivsohn Simon und dem Verlauf von dessen Adoption. Durch ihre anschauliche Darstellung des Bewerbungsverfahrens um eine Adoption ermöglichte sie einen persönlicheren Einblick in den Ablauf einer Adoption. Zu adoptieren war für sie eine bewusste Entscheidung. Sie wollte die eigene, schöne Kindheit, die sie durch ihre Adoptiveltern erfahren durfte, einem anderen Kind ebenfalls ermöglichen. Nach einer Bewerbung um eine Adoption und einer langen Wartezeit, erfährt sie sehr kurzfristig von Simons Adoptionsfreigabe. Als ihr mitgeteilt wird, dass sich die werdende Mutter für sie als Adoptivmutter für ihren Sohn entschieden hatte, stand die Entbindung bereits kurz bevor und es blieben ihr nur ein paar Tage Zeit, um sich auf das Leben mit Simon vorzubereiten. Als besonders aufreibend empfand Karin die acht Wochen nach der Adoption, in denen die Mutter noch die Chance hat, sich um zu entscheiden und ihren Sohn zurückzunehmen.

Karin erklärt, wie Mütter, die ihre Kinder zur Adoption freigeben, stets den Wunsch nach einer perfekten Familie für ihre Kinder haben, und die Adoptiveltern nach Kriterien auswählen, die ihrer Ansicht nach dafür sprechen, dass ihr Kind ein gutes Leben haben wird. Viele abgebende Mütter wünschen sich für ihr Kind eine „klassische“ Familienstruktur, weil sie sich von dieser die größte Geborgenheit für ihr Kind erhoffen. Obwohl Karin zum Zeitpunkt der Adoption alleinstehend war, fiel die Wahl von Simons Mutter, Maria, auf sie, da Karin auf einem kleinen Bauernhof lebte und Maria selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen ist.

 

Arbeit und Adoption

Karin hat in ihrer Arbeitsstelle schlechte Erfahrungen mit dem Thema Adoption gemacht. Ihr Arbeitgeber hat sich innerhalb von zwei Tagen umstellen müssen, da Karin eine wichtige Stelle in ihrem Betrieb innehatte. Es ist zwar nicht vorgeschrieben, dass die Adoptivmutter Elternzeit nimmt, allerdings wäre dies sehr wichtig für die Mutter-Kind-Bindung. Sie selbst hat damals – ohne Unterstützung ihres Arbeitgebers – 14 Monate freigenommen.

 

Feedback der Gesellschaft

Als wir Karin nach dem „Feedback der Gesellschaft“ zum Thema Adoption fragen, erwähnt sie hauptsächlich zwei Personengruppen. Ihre Arbeitskollegen und ihre eigenen Adoptiveltern. Sie beanstandet, dass vor allem in ihrem Arbeitsumfeld die bürgerlichen Denkmuster noch sehr eingefahren sind, und das anfängliche Unverständnis teilweise schon in arrogantes, inhumanes Verhalten gipfelte. Ihre Familie reagierte anfänglich ebenfalls mit Verständnislosigkeit, da sie eigentlich keinen Grund hatte, adoptieren zu müssen. Nachdem ihre Eltern jedoch ihre Bewerbung lasen und ihre Beweggründe nachvollziehen konnten, unterstützten sie sie tatkräftig und tun das noch heute.

 

Karin Schmidt ist mittlerweile in einer glücklichen Beziehung und arbeitet wieder Vollzeit, dabei ist sie sehr dankbar für die Hilfe ihrer eigenen Adoptiveltern, die nun Großeltern sind und Simon ebenfalls sehr ins Herz geschlossen haben.